06. April 2009

Kinder und Karriere online koordinieren

5 Point AG – Das Darmstädter Unternehmen hat eine Software entwickelt, mit der Familien berufliche und private Termine abstimmen können.

Für 16 Uhr am Dienstag hat der Familienvater noch eine Besprechung im Büro angesetzt. Er trägt den Termin in den elektronischen Kalender ein, auf den kurz darauf seine Frau von ihrem Rechner aus zugreift. Ein Kunde hat ihr gerade mögliche Termine für die Präsentation genannt. Der Dienstagnachmittag kommt jetzt nicht mehr infrage, da zeigt der Online-Kalender außer dem Termin ihres Mannes auch das Fußballtraining ihres Sohnes an. Den muss sie dann wohl vom Sport abholen. Dafür gibt sie schon mal ihr Geschäftsessen nächste Woche ein, da muss ihr Mann dann die Kinder versorgen. Oder die Oma, aber die hat da schon etwas vor, sagt der Terminplan.

Familienmanagement im Internet – für das Darmstädter Softwarehaus 5 Point AG ist das die logische Konsequenz aus Kind, Karriere und moderner Kommunikation. „Vor 20 Jahren ist im Büro jeder mit dem Filofax rumgerannt, heute sind E-Mails nicht mehr wegzudenken aus dem Arbeitsalltag. Und was im Büro jeder schätzt, lässt sich doch auch in der Familie anwenden“, findet Thorsten Lenk, einer der beiden Gründer und Vorstände der Firma mit 18 Mitarbeitern. Anfang des Jahres hat 5 Point AG die Plattform „Family2Job“ auf den Markt gebracht. Sie soll berufstätigen Eltern die Abstimmung zwischen Job und Familie erleichtern, indem sie die beruflichen und privaten Termine und Verabredungen aller Familienmitglieder transparent macht und aktuell hält. Bis zu zehn Benutzer können den Kalender in einem geschützten Bereich im Internet einsehen und bestücken. „Das kostet mich fünf Minuten pro Tag und reduziert Stress und Konflikte, weil ich nicht erst eine Minute vorher von meiner Frau erfahre, dass ich die Kinder irgendwo abholen muss“, sagt Lenk. Der 42 Jahre alte Wirtschaftsingenieur und Absolvent der Technischen Universität Darmstadt ist selbst zweifacher Vater, mit seiner Familie lebt er in Eberstadt. Das neue Produkt hat er aus seinem eigenen Bedarf heraus entwickelt. Seine Frau arbeitet als selbstständiger Coach, die Kinder sind zwei und vier Jahre alt. „Ich könnte mein Leben anders nicht führen.“

Schon vor „Family2Job“ haben Lenk und seine Frau ihre beruflichen und privaten Termine online verwaltet. Weil es keine technische Lösung für ihre Anforderungen gab, mussten sie dafür das Hauptprodukt der 5 Point AG zweckentfremden: „Teamspace“ ist eine Software, die einer Gruppe die Zusammenarbeit ermöglicht, unabhängig davon, wo die Mitarbeiter sich befinden und wann sie arbeiten. Das geht weit über einen Online-Kalender hinaus. Im Fachjargon heißen solche Systeme „Groupware“ und einhalten auch Projektmanagement-Tools, Zeiterfassung, Adressverwaltung, Chat-Funktionen, Diskussionsforen und Benachrichtigungsmöglichkeiten wie E-Mail und SMS.

Teamarbeit im virtuellen Büro

Die 5 Point AG, 1999 in Darmstadt gegründet, hat sich auf Groupware spezialisiert und ist mittlerweile der größte deutsche Anbieter dieser virtuellen Büros. Rund 120 000 Anwender nutzen „Teamspace“. Zu den Kunden zählen Konzerne wie Daimler und BMW oder Banken wie ABN Amro, die zu schätzen wissen, dass 5 Point AG die Software auf ihre speziellen Wünsche anpasst. „Rufen sie mal bei Microsoft an und lassen Word ändern“, sagt Lenk zur Verdeutlichung. Für den privaten Gebrauch ist „Teamspace“ eigentlich nicht gedacht. Gleichwohl ist jede Menge Teamarbeit gefragt beim Versuch, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. Lenk hat deshalb die Groupware-Funktionen auf die Familienorganisation übertragen und „Teamspace“ zu „Family2Job“ weiterentwickelt. Das neue Portal sieht ein bisschen kindgerechter und farbenfroher aus, man kann Bilder hochladen, sich an die nächste Impfung erinnern lassen, die Telefonnummern von Klassenkameraden, Ärzten und Vereinen hinterlegen und sich gegenseitig Nachrichten schicken – zum Beispiel, wenn sich ein Termin verschiebt.

Man könnte auch einfach miteinander reden, mögen Skeptiker einwenden. Sonntagabends am Esstisch lässt sich doch in Ruhe die kommende Woche vorplanen, ganz ohne Technik. „Natürlich geht das auch mit Stift und Papier“, weiß Lenk. In seinem Elternhaus habe früher in der Küche eine Übersicht mit den Stundenplänen und Nachmittagsterminen von ihm und seinen drei Geschwistern gehangen. „Aber Unterricht fällt auch mal aus, es gibt spontane Planänderungen.“ Zumal heute die beruflichen Verpflichtungen beider Eltern dazukämen. Bei Freunden erlebe er zum Teil „abstruse Sachen“ mit, „die sind nur noch als Chauffeur für ihre Kids unterwegs“. Für Lenk alles eine Frage der Koordination. Auch er wolle keine „Balkendiagramme für den Grillabend“ erstellen, und „Family2Job“ ersetze schon gar keine persönlichen Gespräche. „Es ist ein Hilfsmittel, nicht mehr und nicht weniger.“

Verkaufsargument: Stress vermeiden

Etwa tausend angemeldete Nutzer testen das Hilfsmittel derzeit. Beim Vertrieb hofft 5 Point AG auf das Geschäft mit Unternehmen. Sie sollen die Lizenzen kaufen – 59 Euro im Jahr für eine Familie mit fünf Mitgliedern – und ihren Mitarbeitern zur Verfügung stellen, als eine Art Entgegenkommen des Hauses. „Die finanzieren ja auch Betriebskindergärten“, sagt Lenk, „aber nach der Arbeitszeit geht die Familienorganisation eben weiter.“ Sein Verkaufsargument: „Wenn man zu Hause Stress hat, arbeitet man auch nicht gut.“ „Family2Job“ will Stressvermeider sein, doch noch ist die Resonanz der Kunden verhalten. „Vereinbarkeit von Beruf und Familie steht heutzutage ganz oben auf der Themenliste“, sagt Lenk, „aber wenn man dann etwas hat, was wirklich sinnvoll ist, tun sich die Unternehmen trotzdem schwer damit.

“Ein Grund ist die Befürchtung, die Mitarbeiter könnten sich kontrolliert fühlen, wenn sie ihre Familie private Termine in einen Kalender eintragen lassen, den ihnen ihr Arbeitgeber geschenkt hat. 5 Point will nun zunächst versuchen, die neue Software bekannt zu machen und ein gutes Image aufzubauen, damit berufstätige Eltern das Software-Geschenkt tatsächlich als Wertschätzung empfinden. Als freiwillige familienfreundliche Leistung des Arbeitgebers – neben Kinderbetreuung, Teilzeitmodellen oder Heimarbeit.